2/05/2011

Wer bin ich eigentlich. Und wenn ja, wie viele??

Ich mache mir gerne Gedanken. Das ist eines meiner Hobbies. Morgens beim Kaffee, vormittags beim Yoga, nachmittags bei der Arbeit oder abends im Bett. Dann denke ich darüber nach, wer ich bin; wo ich hin will und wie zu Hölle ich das schaffen soll. Aber schon bei meinem ersten Gedanken komme ich nicht sehr weit. Wer bin denn eigentlich? Diese Frage stelle ich mir, seit ich das Buch von Richard Precht* gelesen habe. Eigentlich auch einer sehr einfache Frage. Aber die Antwort ist eher schwierig.
Ich bin Anna. Soweit klar. Ich bin Ende Zwanzig, mehr oder weniger erfolgreiche Jungunternehmerin und seit knapp drei Jahren verheiratet. Auch noch einfach. Vor meiner Ehe hatte ich ein paar wenige ernsthaftere Beziehungen und meinen Mann kenne und liebe ich schon seitdem ich Anfang Zwanzig bin. Er ist ein Jahr älter als ich und wir haben mit 26 bzw. 27 geheiratet. Kinder sind schon irgendwie in Planung, aber noch nicht heute oder morgen. Wir wohnen seit über drei Jahren mit unseren zwei Katzen in einer großen Altbauwohnung am Rande der Innenstadt. Wir fahren einen Golf V und kaufen gern im Biosupermarkt. Samstags gehen wir oft zusammen zu unserem regionalen Fußballverein und gucken abends die Sportschau. Klingt soweit ja erst mal sehr seriös , durchschnittlich und erwachsen. Allerdings arbeite ich auch jedes Wochenende in einer Bar, gehe gern feiern und mein Mann arbeitet als DJ. Wir lieben das Nachtleben und kennen sehr, sehr viele Leute und sind jedes Wochenende bis morgens früh unterwegs. Ich bin für ein Mädchen ziemlich doll tätowiert, bin noch nicht mal 1,60 m und trage Konfektionsgröße 42 und ich bin Akademikerin. Genauer gesagt bin ich Amerikanistin. Ich bin ein totales Mamakind und telefoniere mehrmals die Woche mit ihr und fahre regelmäßig zu ihr. Meinen Papa mag ich aber auch sehr doll. Und die beiden mögen sich sogar auch noch und leben auch zusammen. Meine kleine Schwester ist mein Herzblatt und ihre kleine Tochter mein ganzer Stolz.  Ich hatte eine glückliche Kindheit auf dem Dorf..Ok, als Teenager hab ich ein bisschen rebelliert. Aber wer hat das nicht??
Soweit so gut. Aber sagen all diese Sachen denn etwas über mich aus? Und wenn ja, was denn? Vielleicht, dass ich ein Familienmensch bin. Dass ich zwar gebildet bin, aber dass bei mir die Karriere nicht an erster Stelle kommt. Dass ich irgendwie nicht ganz erwachsen werden will. Dass ich klein und nicht ganz schlank bin? Wer bin ich denn im Vergleich zu anderen? Wie viele Menschen gibt es hier in Deutschland, die so sind wie ich? Ein Blick auf ein paar  Statistiken** könnte mir genaueres verraten.
 Mein Name ist schon mal ein Widerspruch in sich, was die Häufigkeit betrifft. Anna ist unter den Top 5 der beliebtesten Mädchennamen ever und dementsprechend häufig. Mein Nachname allerdings ist in dieser Schreibweise einzigartig und nur meine Schwiegereltern und wir heißen so. Auch mein Alter ist nicht gerade nah am Durchschnitt. Ich bin 12 Jahre jünger als der Durchschnittsdeutsche und bin mit meinem Geburtsjahr 1982 ein Mitglied der Generation Y oder auch Millennium Generation, Peter Pan Generation, Generation Net usw.  In Deutschland wurden 1982 fast 700.000 Geburten verzeichnet. Ziemlich viele also...
Mit meiner Selbstständigkeit gehöre ich aber wieder zu einer Minderheit, besonders bei den unter 30 Jährigen. Rund 4,5 Millionen Deutsche sind ihr eigener Chef und nur ein Viertel von denen hat seinen 30. Geburtstag noch vor sich. Auch die nächste Zahl lässt darauf schließen, dass ich ein eher seltenes Exemplar bin. Eine Frau heiratet im Schnitt mit 32 einen Mann, der durchschnittlich knapp vier Jahre älter ist. Auch hier falle ich also wieder aus dem Rahmen. 
Bleiben wir beim Thema Liebe. Es gibt laut statistischen Erhebung ja immer weniger Nachwuchs. Besonders unter Akademikern sinkt die Gebärfreudigkeit deutlich und verlagert sich auch immer weiter nach hinten. Nichts desto Trotz wollen mein Mann und ich Kinder und damit gehöre ich dann später eben nicht zu den 41 % der kinderlosen Akademikerinnen unter 39. Hoffentlich!
Aber hey, mit den nächsten beiden Punkten treffe ich doch sicher den Geschmack der Masse! Katzen gehören zu den beliebtesten Haustieren bei den Deutschen und rund 7,8 Millionen Katzen verteilen sich auf ca. 15 % aller Haushalte. Und auch in meiner Wahlheimat und absoluten Lieblingsstadt geselle ich mich zu ca. 274400 anderen Raubkatzen. Genauso massenkompatibel wie schon bei unseren Haustieren sind wir bei unserem Auto. Schon familiär bedingt sind wir VW-Kinder. Unsere Eltern fuhren und fahren nur VW und auch wir hatten unabhängig von einander einen Polo bzw. einen Golf. Auch unsere gemeinsamen Autos kamen immer aus der Stadt der Wölfe. Im Moment sind wir Besitzer eines Golf V und gehören damit zu 21,1 % der VW Fahrer in Deutschland. Endlich mal nicht allein…
Auch in punkto Einkaufsverhalten gehören wir im Moment der Mehrheit an. Dank Dioxin und anderen Lebensmittelskandalen steigt die Zahl der ökologisch bewussten Einkäufer und Wochenmarkt und Biosupermarkt sind nicht mehr nur die Domäne von Ökos und Althippies. Heute werden mehr als 30 % der deutschen Einkaufswagen regelmäßig mit Bioprodukten gefüllt. Treffer! Und wenn es schon um Volltreffer geht, dann sind wir schon bei nächsten Thema. Aber über die Fußballliebe in Deutschland muss ich ja wohl hier nichts schreiben. Unser blau/gelber Drittligist lockt alle zwei Wochen im Schnitt mehr als 16000 begeisterte Zuschauer an die Hamburger Straße und die Sportschau hat eine Quote von ca. 3 Millionen! Hier  gehören wir also doch zur breiten Masse.
Und schon hört es auf mit der Zugehörigkeit zu einer Mehrheit. Lauf Gesetzt gehöre ich bei meinem Nebenjob zu den Menschen, die als Nachtarbeiter zählen und zwischen 23 und 6 Uhr arbeiten. Ja, kommt hin. Also gehören mein Mann und ich zu den knapp 8 % aller beruflichen Nachteulen. Von der Arbeit komme ich auf meinen Körper zu sprechen. Ich gebe zu, ich bin etwas bunter als Andere. Denn ich gehöre zu den etwa acht Millionen Tätowierten in Deutschland. Je bunter desto besser denke also nicht nur ich. Super. Wenn ich dann aber mal einen Blick auf meine Körpergröße werfe, fange ich fast zu weinen. Mit meinen 158 cm gehöre ich zu mickrigen 12,7 % der deutschen Frauen und bin 7 cm kleiner als die Durchschnittsfrau heute, aber immerhin 2 cm größer als die Durchschnittsfrau im Mittelalter. Wow, ich bin beeindruckt! Mit meiner Konfektionsgröße liege ich eine Größe über dem Durchschnitt und finde das dann doch bedenklich. Wer soll denn dann bitte die ganzen XXS, 32, 34, Size Zero usw. tragen, wenn doch der Großteil der Frauen zwischen 36 und 42 trägt und laut Untersuchungen Frauen sowohl an Höhe als auch an Umfang zugenommen haben. Experten sprechen dabei von ca. 1,0 cm Zunahme in der Höhe, beim Brustumfang von einer Zunahme um 2,3 cm, an der Taille kamen um 4,1 cm hinzu und auch die Hüfte wurde  um 1,8 cm breiter. Puh, Glück gehabt. Ich bin nicht die Einzige, die über die Jahre etwas zugenommen hat. Doch zum Glück ist nicht nur mein Körper gewachsen, sondern auch meine Bildung. Immerhin bescherte mir mein doch eher schlechtes Abitur die Zulassung zu einer Hochschule und dann auch endlich noch einen Universitätsabschluss und bringt mich damit in den Club der deutschen Akademiker. Juchhu! Somit gehöre ich also zu den etwa 16 % der Menschen, die sich zu Bildungselite Deutschland zählen dürfen. Oder eher wollen… Eigentlich  gar nicht sooo wenig. Einsamer wird es dann, wenn ich einen Blick auf meine Fachrichtung werfe. Tapfer und mutig habe ich mich 16 (!) Semester durch den Dschungel der Amerikanischen Literatur- Kultur- und Sprachwissenschaft gekämpft, um am Ende mit dem tollen Titel Magister Artium in eine Welt hinaus zu gehen, die weder mein Studienfach noch meinen Abschluss kennt. So wie mir geht es dann aber auch nur so wenigen, dass es noch nicht einmal Zahlen dafür gibt. 
Auch ein Blick in mein geliebtes Elternhaus zeigt Anomalien zu dem Durchschnittsdeutschen. Zwar bin ich mit 19 verhältnismäßig früh ausgezogen, aber pflege ein sehr inniges und enges Verhältnis zu meinen Eltern, meiner Schwester mit Familie und zu meinen Großeltern. Meinem Mann geht es ähnlich. Wir kommen beide aus sehr intakten Elternhäusern und unsere Eltern sind jeweils länger als 25 Jahre verheiratet. Bei all den Horrorgeschichten zum Thema Scheidung muss das dann wohl sehr selten sein, oder? Statistiken zeigen, dass eine Ehe in Deutschland im Schnitt 13,9 Jahre dauert und jede dritte Ehe wird irgendwann geschieden. Somit wird im Schnitt fast jedes zweite Kind im Laufe seines Lebens zum Scheidungskind. Also auch hier entspreche ich zum Glück so gar nicht den Zahlen.
Hm, nun habe ich die ganzen Zahlen hier und weiß vielleicht ein kleines bisschen mehr über mich und mein Leben. Vor allem weiß ich aber eine Menge über die anderen Menschen, die in diesem Land leben. Vielleicht sollte man sich selbst mal häufiger in Relation zu anderen Menschen betrachten, um zu merken, wie glücklich man über sein Leben sein kann.

Alles Liebe, eure nachdenkliche Anna ♥



*“Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise“ von Richard Precht
** Unterschiedliche Statistiken aus diversen Quellen

1 Kommentar:

  1. Huhu Anna!
    Auch wenn ich als Philosophin eigentlich dem Rationalen zugetan bin,glaube ich doch das der Mensch noch "mehr" ist, und das sich eben dort die Antwort nach dem "wer bin ich" findet.
    Viel Spaß bei der Suche und keep thinking!
    Bunte Grüße,
    Ela

    AntwortenLöschen